Was ist Natural Horsemanship?

Natural Horsemanship ist keine Reitweise an sich. Es bezeichnet den natürlichen Umgang mit dem Pferd. Dies beinhaltet die Einstellung dem Pferd gegenüber, die natürliche Haltung, die Ausrüstung und die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd.

Einstellung dem Pferd gegenüber:

Ein Pferd ist kein Sportgerät. Es ist ein Lebewesen und hat demnach genauso wie andere Lebewesen Empfindungen (Gefühle) und Bedürfnisse, denen der Mensch nachkommen muss.

Was ist unser Ziel im Natural Horsemanship?

Wir möchten, dass Mensch und Pferd miteinander harmonieren und gemeinsam Ziele erreichen, sei es beim Freizeitreiten, Turniersport oder bei der Bodenarbeit. Wir möchten Menschen einen Weg zeigen, auf natürliche Weise und mit Freude an unseren vierbeinigen Freunden ihren eigenen Weg zu finden. Deshalb suchen wir immer wieder neue Ansätze und überdenken auch mal alt-Bewährtes, damit wir die Chancen, die sich uns anbieten, nutzen können.

Natural Horsemanship vs. Klassische Dressur?

Wir werden oft gefragt, ob sich Natural Horsemanship und Klassische Dressur nicht widersprechen. Nein, das tut es nicht. Die Klassische Dressur geht sensibel und Schritt für Schritt auf das Pferd ein und bildet es über einen relativ langen Zeitraum zu einem trainierten Pferd aus. Ohne mechanische Hilfsmittel, zuviel Druck, Eile oder Gewalt.

Kommunikation zwischen Mensch und Pferd

Pferde sprechen nicht mit Worten miteinander. Sie kommunizieren über Körpersprache. Dies bedeutet, dass sie ihren Körper einsetzen, um dem anderen zu sagen, was sie von ihm möchten. Das drücken sie z.B. über ihre Ohrenstellung (nach vorne freundlich, nach hinten aggressiv), ihren Gesichtsausdruck und ihre Bewegungen (Schweif, Hufe, Beine) aus.

In einer Herde gibt es immer ein Alpha – Tier. Dieses Tier ist am ranghöchsten und beschützt die Herde im Falle einer Gefahr. Die niederrangigen Pferde haben dem Alphatier gegenüber Vertrauen und Respekt. Vertrauen bedeutet, dass sie wissen, dass das Alphatier die Kraft besitzt, die Herde im Notfall zu beschützen. Respekt wiederum bedeutet, dass die niederrangigen Tiere dem Alpha-Tier weichen, wenn dieses beispielsweise gerade fressen möchte. Ein niederrangiges Pferd würde niemals ein höherrangiges "über den Haufen" rennen oder gar treten - es sei denn, es stellt seinen Rang in Frage.

Zwischen Mensch und Pferd gibt es einige Kommunikationsschwierigkeiten. Der Mensch ist ein Raubtier, das Pferd ein Fluchttier. Dies wird am Körperbau deutlich. Menschen haben ihre Augen nach vorne gerichtet und riechen nach dem, was sie essen – Fleisch. Pferde haben ihre Augen seitlich, haben demnach einen guten Rundumblick. Sie riechen ebenfalls nach dem, was sie essen – Gras. Pferde fliehen instinktiv vor Gefahren, die sie nicht einschätzen können. Das ist ihre Art der Verteidigung. Raubtiere verspannen sich bei Gefahr und halten inne. Diese Tatsache macht die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd schwierig. Pferde haben grundsätzlich erstmal Angst vor dem Menschen, da er ein Raubtier in ihren Augen ist.

Der Mensch muss also lernen, die Sprache der Pferde zu sprechen, um dem Pferd klar zu machen, was er gerade von ihm möchte. Um mit dem Pferd richtig umgehen zu können, muss das Pferd lernen, den Menschen als Alpha-Tier anzusehen – es muss ihm Vertrauen und Respekt entgegenbringen. Dies erlangt der Mensch mit verschiedenen Spielen am Boden und im Sattel, bei welchen er die Grundsätze der Kommunikation zwischen Pferden einhält - er spricht in ihrer Muttersprache, nämlich der "Körpersprache" (ohne Stimmkommando).

Was heißt nun „Pferdeflüstern“?

Der Begriff Pferdeflüstern ist weit verbreitet. Unter Laien hört man dieses Wort im Zusammenhang mit Natural Horsemanship sehr häufig. Dies liegt daran, dass man von außen nicht erkennen kann, was der Mensch dem Pferd „gesagt“ hat. Der Mensch setzt seinen Körper und nicht seine Stimme ein, um dem Pferd verständlich zu machen, was er gerade möchte. Somit denken Außenstehende, er hätte dem Pferd etwas zugeflüstert.

Ausrüstung:

Die Ausrüstung darf das Pferd nicht in seiner natürlichen Bewegung einschränken, ihm wehtun oder gar verletzen.

„Einen guten Horseman erkennt man an der Ausrüstung, die er NICHT benutzt.“ Pat Parelli

Natürliche Haltung:

Das Pferd hat sechs Grundbedürfnisse: Bewegung, Ernährung, Gesellschaft, Unterhaltung, Klima (Licht, Luft) und Sicherheit. Die Haltung des Pferdes sollte diese Grundbedürfnisse sicherstellen. Die Haltung in Pferdeständern oder Gitterboxen hat nichts mit natürlicher Haltung zu tun. Der Mensch hat dies aufgrund seiner eigenen Bequemlichkeit erfunden. Pferdeständer sind kleine Gänge, in welche Pferde gerade reingeführt werden und angebunden den ganzen Tag stehen. Sie schauen ununterbrochen an die Wand und können sich weder hinlegen noch umdrehen. Gitterboxen bieten keinen Kontakt zum Nachbarpferd. Das Pferd kann sich zwar im Gegensatz zum Pferdeständer in seinen kleinen vier Wänden umdrehen und hinlegen, aber die Gitterstangen geben dem Pferd das Gefühl „im Knast“ zu sein.

Um den Grundbedürfnissen des Pferdes nachzukommen, wurden Offenställe erfunden. Diese Art der Ställe bietet eine optimale artgerechte Haltung. Die Pferde stehen in einer größeren Gruppe mit mehreren Pferden den ganzen Tag zusammen und können somit viele soziale Kontakte knüpfen und sich (fast) so verhalten, wie in der freien Natur.